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Frankfurter Buchmesse 2014
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2014-10-11 07.16.59 (1)

arvustus

“Kiek an” 12.2014 ((Deutscher Journalisten-Verband)

Imbi Paju: „Estland! Wo bist du? Verdrängte Erinnerugen." In der Preußischen Allgemeinen Zeitung, Folge 7 vom 14. Februar 2015, Seite 22./"

Imbi Paju: „Estland! Wo bist du? Verdrängte Erinnerugen.” In der Preußischen Allgemeinen Zeitung, Folge 7 vom 14. Februar 2015, Seite 22./”

"Mitteilungen aus Baltischen Leben" from February 2015.

“Mitteilungen aus Baltischen Leben” from February 2015.

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Wo-bist-Verdr%C3%A4ngte-Erinnerungen/dp/3945127017
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Verdrängte Erinnerung-deutsch_pfade.indd

01.04 2015 GENIUS-Lesestücke für ein Freiheitliches Europa: DIE URANGST DER ESTEN IM SPIGEL EINER FAMILIENGESCHICHTE /Hans-Jürgen Hoffmann
Imbi Paju, Estland! Wo bist Du? –Verdrängte Erinnerugen.”
“In eindringlichen Worten schildert die estnische Autorin und Filmemacherin das Schicksal ihrer Mutter und deren Zwillingsschwester, die im Alter von 18 Jahren von Estland nach Russland deportiert werden. Viele ähnliche Schicksale in Estland und in den Lagern werden angegeben.
Dabei fließt die wechselhafte Geschichte des kleinen baltischen Landes immer wieder in die Schilderungen des täglichen Lebens mit seinen damaligen politischen Voraussetzungen und Hintergründen ein. Gerade letztere verleihen dem Buch dauernde Spannung und geben Raum, Vergleiche mit der aktuellen politischen Situation anzustellen.
Geschichtlicher Überblick
Das nördliche Baltikum wurde von den finnisch-ugrischen Esten und Liven besiedelt, südlicher waren die Letten, Litauer, Semgallen und Prussen ansässig.
Im frühen 13. Jhdt. kam der Deutsche Orden von Riga aus in dieses Gebiet.
1561 zerfiel der Ordensstaat endgültig. Die hanseatischen Städte und die Ritterschaften übernahmen die Selbstverwaltung in Estland. Ab 1629 gehörte Estland ganz zu Schweden.
Diese so genannte „Goldene Schwedische Zeit“ dauerte bis 1710 und wird von den Esten sehr geschätzt.
König Gustav Adolf II. gründete 1630 in Dorpat ein Gymnasium, wo neben deutsch auch estnisch gelehrt wurde. Dieses war auch für Bauernkinder zugänglich. 1632 wurde es zur Universität aufgewertet. Estland gehörte mit dem nördlichen Teil von Livland (jetzt ein Teil von Lettland) ab 1710 bis 1918 zum Russischen Zaren-Reich. 1887 setzt eine erste Russifizierung ein. Bildungs- und Amtssprache werden russisch. Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung zur eigenen und kulturellen Identität spielte die Universität in Tartu/Dorpat. Hier fand schon 1869 das erste Sängerfest statt. Musik und Bildung sind die beiden Bereiche, in denen sich die Epoche des nationalen Erwachens zunächst am deutlichsten zeigt.
Die verübten Morde, Gewalt- und Terrorakte entzogen den Bolschewiki, die 1917 die Macht ergriffen hatten, die Unterstützung durch das Volk.
Gegen Sowjetrussland und die (deutsch-)baltische Landwehr musste sich der junge estnische Staat im Estnischen Freiheitskrieg 1918–1920 behaupten. Dieser fand erst im Februar mit dem Friedensvertrag von Tartu/Dorpat seinen Abschluss. Darin erkannte Sowjetrussland die staatliche Unabhängigkeit, die schon am 24. Februar 1918 erklärt worden war, an. Aber auch Deutschland wollte den estnischen Staat 1918 nicht anerkennen.
Über den Estnischen Freiheitskrieg zu sprechen, sich selbst zu erinnern oder seiner Nächsten zu gedenken, die daran teilgenommen hatten, war in Sowjetestland streng verboten, denn dies war eine Erinnerung an die unabhängige Republik, an ein Land mit Traditionen, Symbolen und Mythen und – was besonders wesentlich war – mit einem gänzlich anderen Rechtssystem,als es in der Sowjetunion galt. Die Erinnerungen wurden zu verdrängten Erinnerungen, denn die Besatzungsmacht stellte sie für 50 Jahre unter politische Verfemung (Imbi Paju).
In der Sowjetunion und den besetzten Ländern ist das Gesetz zugleich Recht. Beschuldigte haben keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Schuld steht a priori fest. Im Gesetz steht, alle Bauern sind Kulaken (Großbauern) und damit Feinde der Arbeiterklasse (Ausspruch Lenins), frühere Regierungsmitglieder und -anhänger sind schuldig. Ebenso sind auch alle Familienangehörigen einschließlich der Kinder (auch der ungeborenen) Faschisten, die umgebracht werden müssen. Lenin und später Stalin bekräftigen dies immer wieder. Durch Folter und andere Grausamkeiten soll – ja, muss später – ein Geständnis erzwungen werden. „Das Geständnis ist die Königin der Beweise.“ Hierzu gibt es genaueste Anweisungen.
1918 schuf der junge Sowjetstaat die Basis für ein Straflager, die gigantische Strafkolonie Gulag. Mit der Zeit kennzeichnete das Wort Gulag außer der Administration der Lager auch das System der sowjetischen Strafarbeit in allen ihren Formen: Arbeits-, Straf-, Frauen-, politische Gefangenen- und Kinderlager. Noch weiter verallgemeinert benannte das Wort Gulag auch die ganze Repressionsmaschinerie, von den Gefangenen „Fleischwolf“ genannt: Verhaftung,
Verhör, Transport in Viehwaggons, Zwangsarbeit, Zerstörung der Familie und frü­
her und sinnloser Tod.
Im Unterbewusstsein nistete seit der ersten Besetzung durch die Sowjets eine immerwährende Angst, ein Misstrauen gegen jeden ein. Denn zum System gehörte die vom Staat geforderte und geförderte Denunziation, die auch ungerechtfertigt meist schon zu Verhaftung, Folter, Deportation oder sofortigem Tod durch Erschießen führte. Es war ein Leben im Schatten des Gulag.
Das grausame Schicksal im Gulag 1930 wurden die Mutter Aino und ihre Zwillingsschwester Vaike Madi auf einem kleineren Bauernhof geboren. Sie hatten vier ältere Schwestern, alle Kinder sind musisch und künstlerisch begabt. Der Vater stirbt 1935, das Leben auf dem Land geht seinen gewohnten Gang.
Die älteste Schwester heiratet einen Musiker und lebt auf einem Nachbarhof.
1948 werden die 18-jährigen Zwillingsschwestern verhaftet und nach mehreren Monaten Folter und anderen grausamen und entwürdigenden Verhören schließlich mit Viehwaggons der Eisenbahn 1500 km weiter nach Archangelsk in ein Straflager gebracht. Aino muss in einem Steinbruch arbeiten, später beim Aufbau mitarbeiten. Dazwischen immer wieder grauenhafte und Angst einflößende Quälereien. 1949 erleiden die Großmutter und eine ältere Schwester mit zwei Kleinkindern das gleiche Schicksal. Der Grund: „Feindliches Verhalten gegenüber dem Sowjetsystem“. Sie wurden nach den Aufenthaltsorten der Waldbrüder befragt, Widersachern im Untergrund. Alle machten keine Aussagen. Nach dem Tod Stalins 1953 gab es für mehrere Gefangene eine Amnestie. So kam 1954 die Mutter der Autorin wieder zurück. Fünf Jahre später wurde Imbi Paju geboren.
Auch die Großmutter und ihre Schwestern konnten wieder heimkehren.
Die Lageraufenthalte mit ihren Grausamkeiten und Peinigungen und die Schicksale vieler Mitgefangener bewegen und wühlen den Leser trotz des ruhigen Tons der Verfasserin auf.
Das dramatische Jahr 1939
Am 23. August 1939 schlossen Deutschland und Russland einen Nichtangriffspakt (Ribbentrop-Molotow-Pakt).
In geheimen Zusatzprotokollen wurden die gegenseitigen Interessensphären
abgesprochen: Lettland, Estland und Finnland sowie östliche Teile Polens und Bessarabien sollten an Russland fallen, das restliche Polen an Deutschland. Am 28. September 1939 kam Ribbentrop nochmals nach Moskau und gab nach Rücksprache mit Hitler auch Litauen für eine russische Besetzung frei. Am 1. September 1939 erklärte Deutschland Polen den Krieg, am 13. September 1939 begann die SU mit der Besetzung Ostpolens.
Das geheime Zusatzprotokoll 2 enthielt das Einverständnis der SU, dass die deutschen Bevölkerungsgruppen aus der sowjetischen Interessensphäre, „sofern sie den Wunsch haben“, nach Deutschland umgesiedelt werden durften. Neben den Balten waren auch Bessarabien-,Bukowina- und Wolhynien-Deutsche betroffen. Unter Einschluss der Nachumsiedlung kamen allein aus Estland und Lettland über 78.000 Deutsche ins Reich, vor allem in den Warthegau.
Ebenfalls verlangte die SU von den baltischen Staaten am 28. September 1939 den Abschluss eines Beistandspaktes mit der Stationierung von allein 35.000 Soldaten in Estland. Gleiches wurde mit Lettland und Litauen vereinbart. 1940 marschierte dann eine bis an die Zähne bewaffnete Armee von 130.000 Mann im gesamten Baltikum ein. Am 21. Juni 1940 musste das Parlament den Antrag stellen, Estland in die Sowjetunion aufzunehmen. Gleiches erfolgte in den beiden anderen Staaten Lettland und Litauen.
Noch 1970 schreibt Chruschtschow in seinen Memoiren von einer „freudigen Vereinigung“ jener Staaten mit der SU. Stalins „Artentheorie“ weist auf das weitere Vorgehen der SU hin:
Esten, Letten und Litauer seien unerwünschte Elemente und müssten liquidiert werden. Und denen, die überleben, wird die Ehre zuteil, in die Vielvölkerfamilie der SU aufgenommen zu werden.
Am 22. Juni 1941 begann Hitler den Krieg gegen Russland. Die SU richtete in Estland ein Vernichtungsbataillon ein, das alles vernichten sollte, was dem Feind nutzen könnte.
Am 4. Juli 1941 begann auf Stalins Befehl die „Taktik der verbrannten Erde“. Es setzte ein ungehemmter Terror ein mit Menschenjagd, vorsätzlichem Töten friedlicher Bürger, Brandschatzung der Bauernhöfe. Meist wurden die Opfer vor der Ermordung grausam gequält.
1941–44 wurde Estland wieder von Deutschland besetzt. Jetzt wurden Unterstützer der Sowjets interniert, gefoltert und zum Teil erschossen.
Im Herbst 1944 wurde das Baltikum wieder von den Sowjets besetzt. Schon 1943 auf der Konferenz in Teheran und dann wieder am 4. Februar 1945 beim Treffen der großen Drei in Jalta (Stalin, Roosevelt und Churchill) hatte Stalin demokratische Wahlen in den osteuropä­ ischen Ländern versprochen. Es setzte sich aber der beschriebene Terror fort, teilweise noch verstärkt.
Imbi Paju legt viel Wert auf eine sorgfältige Aufarbeitung der Historie. Dabei stellt sie mit vielen anderen Wissenschaftlern fest, dass die sowjetischen Aufzeichnungen in der SU und auch im Baltikum und auch in westlichen Ländern häufig gefälscht sind. Auch werden gezielte Verleumdungen verbreitet. Dies zeigt auch die Geschichte des letzten estnischen Prä­sidenten Konstantin Päts. Dieser wird von einigen skandinavischen Autoren auf Grund des russischen Archivmaterials negativ beurteilt. Päts wurde 1940 in den Ural deportiert. Er starb
nach 16 Jahren Gefangenschaft, zuletzt in einer russischen psychiatrischen Abteilung, zwangsbehandelt mit Medikamenten, wie aus heraus geschmuggelten Unterlagen hervorgeht. Die gegenwärtige Krise in der Ukraine schürt die Angst
In Estland, wie im gesamten Baltikum, besteht eine Angst, geboren aus den Zeiten der sowjetischen Besatzungen. Diese Angst wird jetzt verstärkt durch die politischen Spannungen der Ukraine-Krise und der damit verbundenen Befürchtung, dass der in der Sowjetzeit künstlich erhöhte Anteil russischstämmiger Einwohner in Estland ein Grund für Putin zu einer Intervention sein könnte („gewollte Befreiung“). Nach 1945 wurden nämlich aus dem großen Sowjet-Vielvölkerstaat verstärkt Russen angesiedelt. Die Amtssprache wurde russisch, gleiches galt für die Schulen und überall im Land.
Es ist interessant, dass in allen baltischen Staaten der russischsprachige Bevölkerungsanteil
1934 bei 8 bis 9 % war, zur Wendezeit aber in Estland über 30%, in Lettland bei 34 % liegt. In der Nachwendezeit wird in den drei baltischen Staaten die eigene Sprache zur alleinigen Landessprache erklärt, was sich als nicht günstig für den russischsprachigen Teil erweist.
Im „Kampf um die Seelen“ sind die russischsprachigen Medien heute überall bestens zu empfangen. Sie versorgen nun ihre „Landsleute“ mit der russischen Auslegung der Tagespolitik und Spielfilmen, die gerne auch Kriegsszenen aus sowjetischer Sicht darstellen.
Dies schürt die von Imbi Paju in dem Buch beschriebene Angst vor russischer Einflussnahme deutlich.
Der Rezensent war seit der Wende bis jetzt jedes Jahr mindestens einmal im Baltikum. Angefangen hat es mit Hilfsgüterlieferungen in großem Ausmaß, jetzt nur noch in kleinem Rahmen.
In diesen 25 Jahren lernte er viele Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen kennen, selbst erlitten oder von Familienangehörigen, Bekannten und Freunden erfahren.
In Imbi Pajus lesenswertem Buch werden verdrängte Erinnerungen aus nationalsozialistischer und sowjetischer Zeit im Erzählton an die Oberfläche gebracht. Wer sich wirklich mit der Geschichte der baltischen Staaten und ihrer Bevölkerung auseinandersetzen möchte, findet im vorliegenden Buch tief berührendes Anschauungsmaterial. Estland setzt jetzt als selbstständiges Land in einem vereinten Europa auf unser Verständnis und unsere Unterstützung.”

Vorwort von Edward Lucas

Sehr gerne schreibe ich ein Vorwort zur deutschen Ausgabe dieses wichtigen Buches. Wie schrieb Milan Kundera so treffend:
„Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen.“
Das ist nirgends so wahr wie in den Baltischen Staaten wo die leisen Stimmen, die ruhig über traumatische Erinnerungen reden, vom Diskurs großer Nachbarn im Westen und Osten übertönt werden.
Imbi Pajus Buch ist besonders wertvoll, weil es zu einem Zeitpunkt erschienen ist, in dem die Bedrohung Estlands durch Russland wieder ein aktuelles und nicht mehr nur ein historisches Thema ist. Es wäre denn auch ungut, wenn Estlands einzige Aufgabe nun wäre, seine verschüttete kollektive und individuelle Erinnerung an die totalitäre Herrschaft durchzuarbeiten und damit eine authentische Sicht der Vergangenheit zu gewinnen, die die begrenzte und zensierte ersetzt, die während der sowjetischen Besetzung geschaffen und aufgezwungen wurde. Vielmehr ist Estland jetzt ein „Frontstaat“: Ein Ziel der Schädigungen und Manipulationen, die Wladimir Putins Regime gegen seine Nachbarn richtet.
Lassen Sie mich mit ein paar Zeilen die heutige Lage Estlands in einen größeren Kontext stellen.
Nach dem Georgienkrieg 2008 wurden zwei irrige Schlussfolgerungen gezogen. Die eine lautete, dass dieses militärische Abenteuer des Kreml ein Ausreißer gewesen wäre und wir bald wieder zur Tagesordnung würden übergehen können. Die andere war, dass es sich um den Beginn eines Prozesses handeln würde, der unaufhaltsam zu ähnlichen Konflikten anderswo führen würde. Weder das eine noch das andere traf zu. Die Ukrainer haben für das mühsame Lernen des Westens in Sachen Geopolitik bitter bezahlt. Ich hoffe nur, dass die Esten nicht die Nächsten sind, denen diese Rechnung präsentiert wird.
Der „Neue Kalte Krieg“ (eine Redewendung, die im Sommer jenes Jahres Teil der aktuellen Diskussion wurde) begann aber nicht im August 2008. Seine Wurzeln liegen schon Mitte der 1990er Jahre als der alte KGB, damals vor allem die Weggefährten des früheren Agentenchefs Jewgeni Primakow, damit begannen, sich neu zu ordnen und an die Macht zurückzukehren. Ihre Methode ist die Unterdrückung im Inneren (insbesondere durch die Zerstörung unabhängiger öffentlicher und privater Institutionen), aber ohne die rigide und brüchige Überwachung der totalitären Ära. Diese Lektionen hatten sie schon gelernt: Der Markt funktioniert besser als die Planwirtschaft und eine achtzigprozentige Kontrolle, einschließlich der Medien und der Institutionen der Machtausübung, ist bei weitem besser als der Versuch, in sowjetischem Stil alles zu beherrschen. Eine dritte Lektion war, dass Aggression nach außen besser funktioniert, wenn sie unsichtbar betrieben wird. Russische Banken und Pipelines, nicht Panzer und Kampfflugzeuge machen die Drecksarbeit. Mit der Lieferung von Waffen übt der Kreml mehr Einfluss aus als mit ihrer Anwendung. Und im Umgang mit dem Westen ist eine Politik des „Teile und herrsche“ erfolgreicher als Konfrontation.
Wenn wir darüber einfach zum Tagesgeschäft zurückkehren, dann wird das ein sehr schlechtes Geschäft für uns. Indem wir bei der Zerteilung unseres Verbündeten Georgien gedemütigt unsere Schwäche gezeigt haben, kann Russland seine Politik ohne Widerstände fortsetzen: Andere Länder drangsalieren und untergraben, zusammen mit Öl und Gas die Korruption exportieren und schließlich Geld in Macht ummünzen. Dabei werden viele Formen des einfühlsamen Verstehens und der Kurzsichtigkeit in Europa und Amerika ausgespielt. Aber die Wurzel ist das Geld. Während des alten Kalten Krieges waren Geschäfte mit der Sowjetunion unüblich und verdächtig. Heute hat Russland ganze Märkte und Branchen durchdrungen, vor allem in Kontinentaleuropa. Es hat Politiker und Amtsträger in einer Weise bestochen, über die westliche Sicherheitsdienste nur noch staunen können.
Auf dem Papier ist die Europäische Union viel stärker als Russland, mit drei Mal größerer Bevölkerung und zehn Mal größerer Wirtschaftsleistung. Reichlich spät hat sie damit begonnen, dem Kreml Paroli zu bieten, wenn es um das Recht von Ländern wie Georgien, Moldawien oder die Ukraine geht, ihre geopolitische Zukunft selbst zu bestimmen. Die Europäische Kommission akzeptiert inzwischen, dass russische Energiekonzerne die Regeln des Binnenmarktes verletzen, wenn sie Gas billig an befreundete Staaten verkauft und teuer an solche, die den Kreml herausfordern. Deutschlands Wechsel von der russlandfreundlichen Politik Gerhard Schröders zur weit kritischeren Haltung Angela Merkels wurde außerordentlich begrüßt. Aber es bleibt noch viel zu tun, bis die russische Einflussnahme in Europa richtig beschränkt wird.
Das gilt besonders für die Nato. Einige Länder, wie etwa Italien und Griechenland, scheinen nicht mehr gewillt zu sein, einem Militärbündnis anzugehören, das ernsthafte Pläne macht, seine Nachbarn gegen russische Aggression zu verteidigen. Auch an Deutschlands Einsatz für die zentrale Mission der Nato, die Landesverteidigung, gibt es Zweifel. Nach dem Krieg in Georgien und während des Ukraine-Konflikts hat eine Mehrheit der Deutschen gesagt, dass sie selbst im Falle eines russischen Angriffs auf die baltischen Staaten einer Reaktion mit Anwendung militärischer Mittel widersprechen würden. Andere Länder – die USA, Großbritannien, Polen, die baltischen Staaten und Rumänien – wollen sich weiterhin schützen. Ebenso Schweden und Finnland, die zwar nicht der Nato angehören aber zutiefst besorgt sind über den Wiederaufstieg ihres östlichen Nachbars und dessen aggressive Rhetorik, militärische Pseudoattacken und vermehrte Spionage. Im Nordosten Europas nimmt in Reaktion auf Russland eine neue Struktur der kollektiven Sicherheit Gestalt an, aber – wieder einmal – ist es zu wenig und zu spät.
Fehlgeleitete poltische Erwägungen haben die Nato lange davon abgehalten, geeignete Eventualpläne zur Verteidigung der baltischen Staaten auszuarbeiten. Zustande gekommen sind sie schließlich dank der Regierung Obama. Aber bisher stehen sie vor allem auf dem Papier. Die Übungen, das militärische Personal und die Ausrüstung fehlen. Bis der Nordatlantikrat einberufen wäre und einen Angriff auch nur diskutiert hätte, stünden die russischen Panzer schon an der Ostseeküste.
Oder bedenken Sie folgendes Szenario. Angenommen estnische Extremisten würden damit beginnen, einheimische Russen (die etwa ein Drittel der Bevölkerung Estlands ausmachen) einzuschüchtern. Russland kann so etwas leicht verdeckt anheizen, während es gleichzeitig öffentlich Estland dazu auffordert, hart dagegen vorzugehen. Und dann stellen Sie sich vor, russische Aktivisten bilden (wiederum diskret von Moskau unterstützt) „Selbstverteidigungseinheiten“, die Streife gehen und dann Kontrollpunkte errichten. Wenn nun estnische Kräfte das zu unterbinden versuchen, beschwert sich der Kreml; von jenseits der Grenze beginnen russische militärische „Freiwillige“ sich zu sammeln, wobei sie erklären, Landsleute vor dem „Faschismus“ schützen zu wollen. Die russischen Medien berichten darüber mit wilder Begeisterung und die russischen Behörden erklären, dass sie die spontanen patriotischen Gefühle ihrer Bürger nicht endlos in Schranken halten könnten.
Nehmen wir nun an, Estland (oder Lettland, dort wäre es genau die gleiche Geschichte) wendet sich an die Nato und verlangt Beistand nach Artikel IV der Nato-Charta, die festlegt, dass die Mitglieder „gemeinsam beraten, wann immer eines von ihnen der Ansicht ist, dass die territoriale Integrität, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit eines Mitgliedsstaates … bedroht ist“. An diesem Punkt macht sich Russlands eifriger Aufbau von Vermögenswerten im Westen bezahlt. Deutschland, Italien und andere große europäische Länder erscheinen zwar zu den Konsultationen – aber teilen dann Estland mit, es möge seine Probleme mit Russland doch bitte bilateral regeln. Lebhaft kann man sich Leute vom britischen Tory-Abgeordneten bis zum deutschen Sozialdemokraten vorstellen, wie sie erklären: „Das ist kein Fall für die Nato, sondern ein Frage der Menschenrechte in Estland.“
Das Ergebnis wäre ein schlimmeres Zerwürfnis in der Allianz als das über den Irak-Krieg. Angesichts der sichtbaren Schwäche des Westens würde der Kreml noch ein bisschen nachlegen. Estland versucht, die Ordnung wiederherzustellen; Russland nennt das eine unannehmbare Provokation und verlangt einen Regierungswechsel, die Strafverfolgung hochrangiger Vertreter Estlands wegen Machtmissbrauchs, unverzügliche Änderungen im Sprachen- und Staatsangehörigkeitsrecht und die Schaffung dessen, was es eine „Lösung nach Schweizer Vorbild“ nennt: Kantone, in denen Russen das Recht erhalten, „ihre Angelegenheiten selbst zu regen“. Um der Anregung Nachdruck zu verleihen, beginnen russische Truppen mit bedrohlichen Manövern.
Was soll Estland dann tun? Wenn die Nato nicht bereit war, Unterstützung nach Artikel IV zu gewähren, was bringt es, sich auf Artikel V zu berufen? Die USA würden wohl moralische Unterstützung bieten, aber würden sie den dritten Weltkrieg riskieren, um Estland zu schützen?
Estlands Politiker und Diplomaten haben viel zu tun, um ihre militärischen und sicherheitspolitischen Beziehungen mit anderen Staaten zu verstärken. Die Einrichtung des Gemeinsamen Nato-Exzellenzzentrums für Cyber-Abwehr (NATO Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence) in Tallinn war ein brillanter Schachzug, der nicht zuletzt Estlands Expertise in diesem wichtigen neuen Feld der Sicherheit herausstellt.
Aber es gibt da noch eine andere Front: Die weiche Macht (soft power). Genau hier spielen Bücher wie das von Imbi Paju ihre Rolle. Sie machen klar, wofür wir kämpfen. Geschichte in Estland hat vielfältige Schichten und Bedeutungen. Diejenigen, deren familiäre Wurzeln in der Opposition zur Regierung Päts liegen, werden sich anders erinnern als die, die ihr dienten. Jüdische Esten mögen andere Erinnerungen an die Besetzungen haben als ihre nichtjüdischen Landsleute. Wessen Familie unter sowjetischer Herrschaft wohlhabend war, wird anders an diese denken als der, dessen Familie litt. Und doch kann niemand das Leiden der Deportierten ignorieren und ihr erzwungenes Schweigen nach ihrer Rückkehr.
Es ist tragisch, dass in Russland kein vergleichbares Projekt im Gange ist. Als Korrespondent dort in den späten neunziger Jahren berichtete ich sehr gern über die öffentlichen Aktivitäten der Gruppe „Memorial“, die ein Oral History-Projekt betrieb, bei dem russische Teenager ihre älteren Verwandten interviewten und deren Erinnerungen an den Stalinismus aufzeichneten. Das Echo war enorm, doch seitdem ist das Vorhaben verwelkt. Solange den Russen selbst das Wissen über ihr eigenes früheres Leiden vorenthalten wird, ist es kein Wunder, dass Russland als Land den Verbrechen der Vergangenheit gegenüber gleichgültig zu sein scheint.
Mein Buch „Der Neue Kalte Krieg“ hat seit seinem Erscheinen im Februar 2008 eine große Kontroverse hervorgerufen. Bei öffentlichen Treffen wird mir manchmal vorgehalten, ich sei „russophob“. Meine Standardantwort besteht in der Nennung weniger Namen: Wladimir Dremljuga, Natalja Gorbanewskaja, Konstantin Babitsky, Viktor Fainberg – und dann frage ich das Publikum, ob sie den Satz komplettieren können. Kaum einer kann es und das ist ziemlich skandalös. Ein deutsches Publikum würde sofort die Gemeinsamkeit von Claus von Stauffenberg, Willi Brandt und Dietrich Bonhoeffer wissen: Es waren Deutsche, die im In- und Ausland dem Naziregime widerstanden. Und sie könnten weitere Namen nennen, etwa Thomas Mann und Marlene Dietrich, Namen auf die heutige Deutsche stolz sein können.
Aber wie viele Russen wissen schon, dass die moderne Menschenrechtsbewegung in einigen wenigen Minuten des 25. August 1968 auf der Roten Platz initiiert wurde, als die vier oben Genannten sowie Tatjana Bajeva, Larissa Bogoraz, Wadim Delaunay und Pawel Litwinow Spruchbänder mit den Worten „Eure Freiheit ist auch unsere“, „Wir verlieren unser besten Freunde“, „Lang lebe die freie und unabhängige Tschechoslowakei“ und so weiter hochhielten, um gegen die von der UdSSR angeführte Invasion der Tschechoslowakei zu protestieren? Der 40. Jahrestag dieses heldenhaften Protests – ein Gedenken, das das Herz eines jeden Russen vor Stolz schwellen lassen sollte – wurde in Moskau nicht offiziell begangen. Ja, Demonstranten, die versucht hatten, zum Jahrestag an dieser Stelle Proteste zu organisieren, wurden prompt festgenommen. Immerhin landeten sie nicht wie die Demonstranten von 1968 in der Psychiatrie oder in sibirischen Arbeitslagern.
In einigen Ecken ist es modisch zu sagen, die Esten hätten eine Neurose wegen ihrer Geschichte. Doch die wirkliche Ursache von Neurosen ist die Repression. Imbi Pajus Buch öffnet Türen in finstere Räume. Sonnenlicht sollte sie durchfluten. Und andere sollten ihrem Beispiel folgen.
Edward Lucas ist Autor von „The New Cold War“; deutsche Ausgabe: Der Kalte Krieg des Kreml: Wie das Putin-System Russland und den Westen bedroht (Riemann-Verlag, 2008). Er schrieb außerdem „Deception“ (Bloomsbury, 2011), das die Ost-West-Spionage unter besonderer Berücksichtigung der baltischen Staaten behandelt sowie „The Snowden Operation“ (2014) über den NSA-Überläufer nach Russland. Sein nächstes Buch „Cyperphobia“ bietet den Leitfaden eines Laien für mehr Cybersicherheit.

The author`s mother, Aino Paju, in 1956

The author`s mother, Aino Paju, in 1956

PRESSKIT: http://www.estemb.se/static/files/063/imbi-press-kit-mar6_1.pdf
http://de.wikipedia.org/wiki/Imbi_Paju

Imbi Paju:”Ich wurde gefragt, warum deutsche Leser mein Buch„Verdrängte Erinnerungen“ lesen sollten?
Das Buch handelt von meiner Mutter und ihrer Zwillingsschwester, die 1948 aus dem von der Sowjetunion besetzten Estland in ein Arbeitslager deportiert wurden. Sie war gerade 18 Jahre alt geworden, hatte die erste Sowjetokkupation hinter sich, und auch die schockierenden Verhältnisse während der Okkupation durch Nazideutschland. Es ist allgemein menschlich, dass Kinder sich um ihre Eltern kümmern, wenn diese unter physischen oder seelischen Schmerzen leiden. Mein Buch ist entstanden aus Schmerz und aus Liebe zu meiner Mutter und Estland, wo ich meine Wurzeln habe. Die Geschichte meiner Mutter ist eingebettet in eine größere Geschichte, die schmerzende Symphonie Europas, entstanden aus unzähligen historischen Episoden vor und nach dem II Weltkrieg. Sie erinnert uns daran, dass wir alle aus demselben Lebensschicksal, aus demselben Kulturraum stammen.
In meinem Buch stelle ich keine ewig bleibende Konflikte, oder Ideologien dar, sondern, indem ich Erinnerungen und Menschenschicksale mit meinen Lesern teile, hoffe ich Abgründe zu umgehen, die durch Gedanken an die Vergangenheit entstehen. „Verdrängte Erinnerungen“ ist ein Gewebe des Erinnerns, ein Stück europäisches Unterbewusstsein versteckt in Träumen, die der Mensch morgens beim Aufwachen noch an sich hält und die er über unsichtbaren Fäden an die Nächsten und an die nächsten Generationen weitergibt. Dazu kommen Träume, die in schmerzhaften Erfahrungen der Nächsten ihren Ursprung haben.
Mit meinem Dokumentarfilm, der dem Buch mit demselben Titel vorausging, bin ich in Europa, USA, Taiwan, vor Esten, Russen, Deutschen, Finnen und Dänen aufgetreten. Die Reaktionen der Menschen waren immer ähnlich, immer die gleiche Trauer, der gleiche Schmerz, unabhängig von Nationalität und Kulturkreis.
Die französische Philosophin Simone Weil hat gesagt, dass der Mensch, unabhängig davon, was ihm widerfahren sei oder was er anderen angetan habe, er fest daran glaube, dass mit ihm gütig und nicht böse umgegangen werde. Der Glaube an die Nächstenliebe ist das, was in dem Menschen heilig ist.
Wie sollte ein deutscher oder jeder andere Leser sich meinem Buch nähern?! In der Musik gibt es dazu einen Terminus: „adagio“ – langsam, ruhig.
Dieser Einleitung füge ich ein Pressekit über mein Schaffen, mein CV, Stellungnahmen zu meinem Buch sowie eine Empfehlung von Prof. Peter Hanenberg bei.”

Prof. Dr . Peter Hanenberg
Professor für Kulturwissenschaft
Universidade Católica Portuguesa

Lissabon
Imbi Pajus Buch ist ein ebenso beeindruckendes wie notwendiges Buch. Im Mittelpunkt stehen die im doppelten Sinne verweigerten Erinnerungen der während der sowjetischen Besatzung Estlands erlittenen Gräuel:das Unsagbare und das Ungesagte. Einerseits geht es darum, die Verweigerung der Opfer, sich an die Wunden dieser Zeit zu erinnern, behutsam aufzubrechen.Und es gehtandererseits darum anzuschreiben gegen eine Geschichtsschreibung, die es sich immer noch zu leicht macht, indem sie ungebrochen den Kategorien der Täter und Mächtigen folgt.Zwischen den Fronten nationalsozialistischer und sowjetischer Feindschaft muss die Stimme einer um Unabhängigkeit ringenden Bevölkerung überhaupt erst hörbar gemacht werden. Das kulturelle Gedächtnis des Landes muss erschrieben werden gegen die Gepflogenheiten eines Diskurses, in dem die Opfer der Sowjetunion automatisch als Nationalisten und Faschisten oder einfach als Banditen gebrandmarkt wurden. Mehr als eine ganze Generation ist darüber ins Schweigen verfallen – und selbst die Autorin sieht sich nicht frei von stalinistischen Denkmustern, als sie die Arbeit an diesem Thema begann. Insofern hat ihr Buch eine erzieherische Funktion, die sich zunächst an ihre estnischen Leser wendet. Aber ihr Buch ist auch ein wichtiger Beitrag zu einer kritischen Revision des kulturellen Gedächtnisses in Europa. Wir brauchen diese Stimmen, weil nur sie uns lehren können, wie unsere Erinnerung insgeheim immer auch die Verweigerung einer anderen Erinnerung impliziert. Dieses andere Gedächtnis ist weit entfernt davon, bei uns zwischen den Bequemlichkeiten einer vermeintlich in Gut und Böse geteilten Welt seinen Platz zu behaupten.
Imbi Pajus Buch erzählt die Geschichte von jungen Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs, von ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester, von Freundinnen und Verwandten, von Deportation, Demütigung, Gewalt und Angst, von der entsetzlichen Normalität des Grauens und des Schweigens.Die persönlichen Erinnerungen, die familiäre Spurensuche geben der Geschichte ein menschliches
Gesicht, wie die Autorin sagt. Das Buch greift aber auch aus in die größere Geschichte, die Geschichte eines Landes, das seine Unabhängigkeit immer erst behaupten muss – und das in der Europäischen Union nun auf Bestand und Sicherheit hofft. Der Dokumentarfilm, den die Autorin 2009 unter dem gleichen Titel vorgelegt hat, ist zu Recht vielfach beachtet und bewundert worden. Das Buch bietet gerade auch unkundigeren Lesern mehr Stoff zur Orientierung: eine materialreiche und zugleich einfühlsame, eine gelehrte und zugleich kritische Darstellung, der viele Leser zu wünschen sind. Ein zugleich beeindruckendes und notwendiges Buch.
Prof. Dr . Peter Hanenberg
Professor für Kulturwissenschaft
Universidade Católica Portuguesa
Lissabon

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